Rheinpfalz - 15.04.1999
Die etwas andere Klassenfahrt: Leben im Township
Am Gymnasium laufen Vorbereitungen zur Südafrika-Reise im Oktober - Besuch aus Port Elizabeth
Von Thomas Huber (RHEINPFALZ)
"Siyanamkela eMzasi Africa!" - "WiIikomwen in Südafrika!" Diesen Satz werden die acht jungen Leute, die sich zu ersten Vorbereitungen ihrer Südafrikareise im Gymnasium Bad Bergzabern trafen, spätestens im Oktober wieder zu hören bekommen.
Dann treffen sie in Port Elizabeth ein, einer Millionenstadt rund 650 Kilometer östlich von Kapstadt. Sie kommen nicht als Touristen. Gymnasiallehrer Rolf Meder, der die Reise leitet und koordiniert, möchte den Schülern einen Einblick in das Leben in einem Township geben wenige lahre nach dem Ende der Jahrzehnte herrschenden Apartheid (Rassentrennung).
Townships heißen die ärmlichen Schwarzensiedlungen, die sich in dieser Zeit um die südafrikanischen Städte gebildet haben. So auch Walmer und Gqeberea. wo auf einem rund drei Quadratkilometer großen Areal 25.000 Einwohner leben. 8o Prozent von ihnen sind arbeitslos fast alle wohnen in Blechhütten ohne Wasser- oder Stromanschluß.
Die Schüler aus Deutschland sollen aber auch Xolelanani kennenlernen, in der Xhosa-Sprache das Wort für "Versöhnung" und der Name eines Hlilfsprojekts für Straßenkinder und Jugendliche. Reverend Solomon Nkesiga aus Uganda hat es seit 1997 zusammen mit seinem deutschen Kollegen Pfarrer Klaus-Peter Edinger aufgebaut.Begonnen hat Xolelanani mit viel Enthusiasmus, aberwenig Geld. Finanziell unterstützt durch Spenden hauptsächlich aus Deutschland, haben die Initiatoren eine alte anglikanische Kirche im Zentrum von Walmer gekauft und zu einem. Jugendzentrum umgebaut. Jüngste Errungenschaft ist ein Werkraum, in dem junge Leute ohne Ausbildung für verschiedene Handwerksberufe angelernt werden. Arbeitslosen Akademikern wird außerdem die Möglichkeit gegeben. Straßenkinder zu unterrichten und damit für die reguläre Schule fit zu machen. In all diese Aktivitäten, werden die Schüler aus Deutschland mit eingebunden.
Gespräch mit ANC-Abgeordneten
Das Programm wird sich zum größten Teil im Township selbst abspielen; auch den Untenricht in den Schulen werden die Besucher kennenlernen,und sie sollen selbst einen Gottesdienst gestalten. Die Schüler lernen die Stadtabgeordneten des ANC von Port Elizabeth und Vertreter von Selbsthilfeorganisationen kennen, die sich unabhängig vom überforderten Staatsapparat - um Arbeitsbeschaffung kümmern. Zurück in Walmer, werden die Jugendlichen einen Tag in einer Familie verbringen und zum Schuß die zukünftige Gestaltung der Partnerschaft planen. Meder denkt bereits laut über einen Gegenbesuch junger Südafrikaner in Deutschland nach. Dabei schwebt ihm ein längerfristiges entwicklungspolitisches Bildungsprogramm vor, von dem. beide Seiten profitieren.
Brücke über Gräben
Versöhnung hat der Reverend sein Projekt deshalb genannt, weil fünf Jahre, nachdem mit Nelson Mandela ein Schwarzer das Präsidentenamt in Südafrika übernommen hat, die Gräben zwischen den beiden großen Bevölkerungsgruppen immer noch tief sind. Xolelanani solle Brücken schlagen, Jugendlichen aller sozialen Schichten und Hautfarben Begegnungen ermöglichen, berichtete Nkesiga bei einem Besuch letzte Woche in Bad Bergzabern. Das ist dringend notwendig:"Wenn die Barrieren nicht abgebaut werden, wird es eine Katastrophe geben" - warnt Edinger vor der explosiven Situation in der zum Zerreißen gespannten Gesellschaft.
Daß ,,Schwarz" und "Weiß" Ausdruck einer noch immer existierenden. gesellschaftlichen Realität sind, den Status eines Bürgers kennzeichnen, werden auch die weißen Besucher aus Deutschland zu spüren bekommen. Die Kinder im Township werden erst einmal zurückhaltend reagieren, wenn sie die Gruppe sehen, ist sich der Reverend sicher. Vielen weißen Südafrikanern sei außerdem die Unbefangenheit suspekt, mit der Besucher aus Europa oft den Schwarzen begegnen. Das alte Regime habe schließlich alles getan, um die Rassentrennung tief in den Köpfen zu verankern.
Die Gäste werden in Port Elizabeth nicht nur mit den Geistern der Vergangenheit konfrontiert, sie werden dort auch einheimische Lebensart entdecken. Und die kann anstrengend sein. Nkesiga und Edinger, der ebenfalls in Port Elizabeth eine Gemeinde leitet, gaben den Bad Bergzaberner Schüler deshalb einen Crashkurs in südafrikanischer Alltagskultur. So gehen dort die Uhren anders. Wenn ein Gottes- dienst für zehn Uhr angesetzt ist und noch vor elf beginnt, wird das kaum. jemand als Verzögerung betrachten. ,,Du hast eine Uhr, aber ich habe Zeit" mit diesem Spruch habe ihm ein Afrikaner erklärt, warum er zu spät gekommen sei, erzählt Pfarrer Edinger.
Besucher aus einer anderen Welt
Verglichen mit den Menschen dort sind Europäer Einzelgänger. Das Leben spielt sich öffentlich ab, sich zurückzuziehen, sei ein nahezu unbekanntes Bedürfnis, berichten die Pfarret. Wer aus dem fernen Europa kommt, sollte nicht einmal daran denken: Die meisten Bewohner des Townships haben nie die Stadtgrenze überschritten. Besuch vom anderen Ende des Erdballs kommt für sie aus einer anderen Welt - entsprechend groß wird das Interesse daran sein, was die jungen Leute aus Deutschland zu er- zählen haben. "Ihr werdet im Mittelpunkt des Interesses stehen", verspricht Pfarrer Edinger den Schülern. Mit todernster Miene erzählt Reverend Nkesiga vom Schicksal eines europäischen Entwicklungshelfers, der das Township vorzeitig verließ: "Wir mußten seinen Besuch abkürzen, weil er zu sehr geliebt wurde."
Meder hat unabhängig von der Studienreise eine Lieferung von Lehr und Lernmitteln für die oft schlecht ausgestatteten Schulen in Port Elizabeth organisiert Hauptfracht sind 50 komplette von der Industrie gespendete Computeranlagen die er in seiner Elektronik-Arbeitsgemeinschaft geprüft und repariert hat. Ein Container für die Fracht ist bereits bestellt der Starttermin steht auch fest Gebraucht wird weiterhin jede Mark um die Frachtkosten bezahlen zu können aber auch um an Ort und Stelle Unterstützung zu leisten, beispielsweise bei der baulichen Instandsetzung der Schulen.
SPENDENKONTO
"Freunde des Gymnasiums" Nummer 126 007558 bei der Sparkasse SÜW Bankleitzahl 54850010, Stichwort
"Walmer Township".
Aus: RHEINPFALZ vom 15.April 1999