unbekannt - 08.07.2000


Fremde Welt: Weiße öffnen Haus und Herz

8.7.2000

Die Straßen sind schmal, aber unglaublich sauber. Die Wohnhäuser sind riesengroß. Das Wetter ist, zumindest im Vergleich mit zu Hause, wo gerade Winter ist, ziemlich heiß. Und die Leute haben seltsame Gewohnheiten: Sie achten zum Beispiel darauf, welchen Abfall sie in welchen Mülleimer werfen. Das ist Deutschland, aus der südafrikanischen Perspektive betrachtet. Gelegenheit dazu hatten sechs junge Gäste aus dem Land an der Südspitze des schwarzen Kontinents bei ihrem dreiwöchigen Besuch in Bad Bergzabern, der am Dienstag zu Ende ging. Die fünf Jugendlichen, eine junge Lehrerin und der Geistliche Solomon Nkesiga gehören zum Projekt "Xolelanani" (Versöhnung), das im Armenviertel Walmer der südafrikanischen Milionenstadt Port Elizabeth versucht, die gesellschaftlichen Barrieren zwischen Arm und Reich einzureißen. Im Oktober des vergangenen Jahres hat Rolf Meder, Lehrer am Bad Bergzaberner Gymnasium, mit seiner Schulsanitäter-Gruppe des Malteser Hilfsdienstes, allesamt Schüler des Gymnasiums, das Projekt besucht
(wir berichteten). Zuvor war auf seine Initiative bereits eine Ladung gebrauchter Computer nach Südafrika verschifft worden, um die Schule im Township damit auszustatten. Nun haben die Afrikaner ihren Gegenbesuch abgestattet. Wenn sie Auskunft geben sollen über die vergangenen drei Wochen, sind sich Besucher und Besuchte einig: Sie haben, wie schon im vergangenen Oktober in Port Elizabeth, einen Blick über den Tellerrand geworfen, wie man ihn selten geboten bekommt. Auch die Familien haben von der interkulturellen Begegnung profitiert. Da beginnen deutsche Mütter und Omas plötzlich, Englisch zu lernen, um sich mit dem weit gereisten Gast nicht immer über einen "Dolmetscher" verständigen zu müssen. Nobuntu Ntantiso, die junge afrikanische Lehrerin, hat ihre Liebe zum pfälzischen Wein entdeckt, und auch Reverend Nkesiga sitzt beim Abschiedsabend vor einem fast leeren Schoppenglas. Xhosa, die Muttersprache der schwarzen Südafrikaner, macht sich in der Südpfalz breit - die deutschen Schüler feilen eifrig an d
er korrekten Aussprache der "Clicks", der ungewohnten Schnalzlaute, und die afrikanischen Jugendlichen nehmen in der Mörzheimer Kirche Chorgesang in ihrer Muttersprache auf. Und zwei von ihnen, Thobani und Nomsa, spitzen die Ohren, wenn sie eine Unterhaltung auf Deutsch hören: Ein bisschen davon verstehen sie nämlich schon. Organisator Meder schwärmt einmal mehr in den höchsten Tönen von seinem Projekt. Auch der Gegenbesuch verlief ohne jede Schwierigkeit - hatten die Afrikaner vor einem dreiviertel Jahr noch eher erwartungsgemäß die jungen Deutschen mit offenen Armen empfangen, waren sie selbst nun ebenso schnell in ihren Gastfamilien integriert. Das hat auch den Südafrikanischen Reverend beeindruckt, und am allermeisten seine Schützlinge. Denn ganz selbstverständlich als gleichwertig in einer weißen Familie aufgenommen zu werden, ist für schwarze Südafrikaner auch zehn Jahre nach dem offiziellen Ende der Rassentrennung noch etwas unerhörtes. Die Erfahrung, dass Menschen unterschiedlicher Hautfarbe so un
gezwungen miteinander umgehen, könnten die jungen Schwarzen in ihrer Heimat gar nicht machen. Begeistert hat Meder auch die gute Stimmung in der Gruppe während der drei Wochen; die Tage waren mit einem Mammutprogramm, das Besuche beim Landtag, bei der BASF und der Maginot-Linie sowie immer wieder Computerkurse und vieles andere einschloss, eigentlich zur Genüge ausgefüllt gewesen. Allein die handfesten, vorzeigbaren Ergebnisse des Besuchs sprechen Bände: Neben verschiedenen Rap-Aufnahmen mit dem redseligen Mncedisi, der, wenn er einmal loslegt, kaum noch zu bremsen ist, entsteht auch ein Videofilm über die Arbeit in einer Landauer Kindertagesstätte; umgekehrt wird auch in Port Elizabeth ein Film über den dortigen Kindergarten gedreht. Doch über das von Meder organisierte Programm hinaus machten die Jugendlichen auch an den Abenden noch gemeinsame Sache, trafen sich reihum bei den Gastgeberfamilien zum Essen, für einen Videoabend oder zu Gesellschaftsspielen. Um so schwerer fiel der Abschied am Dienstag. D
och den Plan für das nächste Wiedersehen hat der umtriebige Organisator Meder bereits in der Tasche. Im Oktober werden sich wieder deutsche Schüler auf den 12.000 Kilometer langen Weg an die Südspitze des schwarzen Kontinents machen. Das Projekt, so Meders Überzeugung, ist durch die vergangenen drei Wochen endgültig ein Selbstläufer geworden. Kein Grund allerdings für ihn, sich auf den dafür eingeheimsten Lorbeeren auszuruhen: Er knobelt bereits an den Vorbereitungen für den erneuten Gegenbesuch der Afrikaner in einem Jahr. Wieder müssen Sponsoren und Spender aufgetrieben werden. Nomarwayi Ntombebongo, die gerade ihr Abitur macht, hat sogar einen persönlichen Sponsor gefunden: Eine Frau aus Speyer hat sich bereit erklärt, die Ausbildung der hoch begabten jungen Südafrikanerin zu finanzieren.

(thom)